Der erste sprach: “Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?’ Der zweite: “Wer hat von meinem Tellerchen gegessen ?” Der dritte: “Wer hat von meinem Brötchen genommen ?” Der vierte: “Wer hat von meinem Gemüschen gegessen ?” Der fünfte: “Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen ?” Der sechste: “Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten ?” Der siebente: “Wer hat aus meinem Becherlein Getrunken ?”
Sind das die Fragen, welche uns Lehrer stellten oder die wir uns für unsere Zukunft stellen, wie Rico ja richtig erwähnte, dass eben dies etwas sehr wichtiges ist. Nicht planlos in die Zukunft stürzen, ohne sich auf etwas zu stützen. Es mag eine Wissensfrage in der 3. Klasse gewesen sein, dort waren Märchen noch das Thema und man lernte fleißig auswendig und heute lächeln wir darüber uns halten die sieben Fragen für einen schlechten Scherz. Aber ausgerechnet jetzt sind sie die 7. Fragen, die meine Rede strukturieren. Und ihr bringt jene hervor, welche sie, zwar unwahrscheinlich, aber wer weiß, eines Tages analysieren werden. Eine formale Quellenanalyse oder gar eine ausführliche? Ob Politikwissenschaft oder Geschichte, was sind das nicht für Ansätze und zu fördernde Methoden der Texterarbeitung. Wissenschaftlich, unumstritten wissenschaftlich.
Manch einer ertappt sich dabei, wie er die Rede eines Politikers in der Zeitung liest und denkt: „Hm, ja, eindeutig Primärquelle, aber mit appellativem Charakter, subjektiv, klar und deskriptiv, sicher und selbstverständlich ein Traditionstext, der sich an interessierte Leser richtet.“
Das geschulte Auge. Und ganz sicher haben wir tausende solcher Methoden aus anderen Fächern für den richtigen Blick.
Das ist die erste Frage: Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?
Zerkratzt, bemalt, wackelnd und feucht. Ein Stuhl eben. Von hunderten, bald tausenden besessen und beschmutzt, war niemals unser und doch gab er uns Halt und die Sicherheit eines Platzes. Das Asyl eines Stuhls eben. Man mag die Herzenswärme oder warme Nähe eines anderen Menschen kennen und lieben, doch nichts ist so warm, wie ein frisch benutzter Stuhl.
Wir kippelten und knieten, waren die Stühle demoliert oder eben zu klein. Wer hier schmunzelt, der tut jedem Stuhl unrecht. Ich finde es gut, dass man Lehrer lobt und kritisiert. Doch wer sagt schon gutes über einen Stuhl? Nur, weil Stühle nicht weinen können, heißt das nicht, dass sie keine Gefühle haben. Wir alle werden diese Stühle sehr vermissen.
Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?
Meist waren es die Freunde, welche ihre Liebsten zum Mittagessen in die Cafeteria begleiteten, in der Hoffnung die Reste vertilgen zu dürfen, da es ihnen an Pausenbroten mangelte. Doch sicher waren dies nicht nur die Schüler. Wer sagt, dass dies nicht auch im Lehrerkollegium so gehandhabt wurde? Keiner muss sich dafür schämen, solang er sich frisches Besteck nahm.
Und wer hat von meinem Brötchen genommen?
Bleiben wir im Keller. In der Cafeteria. Wir alle lernten und lernen immer noch. Was ist da ein junges Hirn ohne Nährstoffe? Wenn Muttis Brote versagen und ausgehen, steht die Theke mit frisch belegten Brötchen wie eine Festung. Schnitzel, Bulette, Tomate-Mozzarella. Doch gehört das hierher? Nein, natürlich nicht und dafür entschuldige ich mich. Das gehört in die Vergangenheit. Für viele von uns gibt es bald eine neue Festung: Die Mensa.
Wer hat von meinem Gemüschen gegessen?
Ganz ehrlich? Ich fand hierfür keine Überleitung. Vielleicht ist es ein Symbol? Oder eine Metapher? Eine Metonymie? Das Mischgemüse. Erbsen und Möhren. Stereotypen, überall Stereotypen. Du kannst gut Mathematik, ich kann gut Deutsch. Klar gab es wenige Könner, wenige Talente. Ich werde auch nicht Rico nennen, um ihn verlegen zu machen. Rico.
Eltern, Lehrer, Freunde, Schüler: Wir teilten uns ein und auf und waren dennoch recht stabil, wie man Vorredner betonte. Nen schmuckes Grüppchen. Alle verschieden, aber zusammen. Wer mir nicht glaubt möge die Noten betrachten. Alle zwei Plätze ein Zeugnis mit Mathematik „gut“.
Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?
Es tut mir Leid, aber hierfür mangelt es mir an Kreativität.
Wer also hat mit meinem Messerchen geschnitten?
Unser Verstand ist scharf wie ein Messer. Jetzt, nach Abschluss der Schule mit Abitur. Und so lang es keinen Mikroschliff besitzt, müssen wir es stets schleifen und darauf achten, dass die Schneide nicht stumpf wird. Egal, was wir tun, egal, was wir weiter lernen oder lehren: Wir dürfen dies nicht umsonst getan haben. 13 Jahre sind später ein wenig mehr als eine Dekade in allen Jahren, aber für uns ist es jetzt mehr als die Hälfte unseres Lebens.
Um ein Bild zu schaffen orientieren wir uns doch an einem Lehrer? Er zeigt uns, was das heißt. Zu lernen und zu wissen und immer dabei zu bleiben. Wer im Sommer Sandalen trägt, mit nacktem Fuß, der muss diese auch im Winter tragen. Es mag oft kalt sein oder werden, doch dafür gibt es im Winter Socken. Und wenn der Frost uns droht, dann lasst euch von Schuhen ins warme tragen und wechselt. Die Sandale drückt zu Beginn und sorgt manchmal für geringen Schutz. Aber eines Tages erscheinen sie als das bequemste der Welt. Etwas das bleibt, wenn man es immer trägt und daran festhält.
Das Wissen ist das höchste Gut.
Wer aber hat aus meinem Becherlein getrunken?
Das meine Damen und Herren ist die schöne Zeit des Abiturs.
Und ein wesentlicher Bestandteil des morgigen Abends.
Vielen Dank.