Ein Appell an die Dummheit

Dummheit sprich und sage mir
bekümmert dich, dass alle Welt
dich ihrer Teil werden lässt,
gewisse sich deiner jedoch entledigen?
„Gewisse“ sind gewisse Teile aller Welt.

Was du von uns hälst?
Wer will das wissen?
Die Frage ist:
Was halten wir von dir?

Doch nun stehst du und raunst,
was auch sonst willst du tun,
wenn einer sagt, was er denkt. Ganz frei von Dummheit.
Von Angesicht zu Angesicht.
Nasenspitz’ an Nasenspitz’.
Mann gegen Mann.
Eins zu eins.
Nur du und ich.

Ach hätt’ ich doch,
dann wär’ ich jetzt was besseres.
Was besseres als du alle mal.
Dafür hätt’s gereicht.
Das, liebe Dummheit, glaube mir.

Also schäme dich und geh,
ich mag dich hier nicht mehr sehn.
Widersetztest du dich,
bliebe immer noch ich.

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Weißt du

Weißt du, was das macht?

Wenn ich dir sage, dass du ein wundervolles Lächeln hast, hörst du dann auf oder lachst nun viel vorsichtiger?

Wenn ich dir sage, lass dein Haar noch ein Stück ungekemmt, gehst du dann zum Friseur?

Wenn ich dir sage, dass du mir gute Laune machst, darf ich dann nie mehr schlechte haben?

Wenn du das liest und nicht verstehst, heißt das, dass ich nicht schreiben kann?

Ich weiß es nicht.

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Routine

Der Wecker.

Der Wecker hat das Funktionieren nicht verlernt, was er mir jeden Morgen zur selben Zeit beweist.
Es ist dieselbe Zeit. Der Wecker irrt sich nicht. Ein Wecker kann das Wecken nicht vergessen, weil er es nicht lernt. Er kriegt einen Befehl. Etwas anderes als diesen Befehl kann er nicht befolgen. So ist er programmiert. Und wenn er den nächsten Morgen nicht funktionieren soll, dann funktioniert er eben nicht.
Aufstehen. Kurz vor dem Aufstehen liegen bleiben, die Augen noch einmal schließen und hoffen, dass sich die Tatsache verändert. Dass eine Planänderung auftritt, auf welche man mit „Schlaf“ reagieren müsste. Nach einer Minute wird der Gedanke verworfen, man kommt zur Besinnung und kämpft, wühlt sich aus der Nestwärme.
Schnelligkeit, schneller Zugriff unterstützt die Konzentration, die fehlt. Vorbereitung ist hilfreich und beschleunigt die Routine in der Frühe. Kleidung hängt über dem Stuhl, die Waschtasche steht auf dem Stuhl und die Latschen standen bereits am oder unter dem Bett.
Füße anheben, damit man nicht schlurft. In das große Bad. Das Nassrevier mit acht Waschbecken. Rasieren. Zurück zur Stube. Anziehen. Befehle kurz entgegennehmen. Keine Lust. Hastig. Um 4.50 im Zugrahmen antreten. Ausführung.

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Ein Blick auf die Stube

3 Gesichter stehen dreckig nackt,
Eckig rund und vollgepackt,
Mit dummsein und dem Rest der Zeit,
Und grinsen breit.

Der eine spricht, der andre schreibt.
Doch keiner denkt.
Denn vollbeleibt, ganz platt und faul.
Gähnen, reißen’s rote Maul.
Auf und zu und auf und zu.

Hier.
Einer sagt. Er hat was gesagt und keiner hört hin.
Dann wieder. Das Grinsen als ausdruckslose Fresse.

Der Teufel klopft heut an die Tür und fragt.
Er hat gefragt, aber keiner gibt ihm eine Antwort.
Alle Sitzplätze sind vergeben Herr Teufel.

Man macht zum Spaß sich lächerlich und lacht.
Aus vollem Halse bunte Töne und keiner lacht mit.
Ach. Umsonst. So viel Wind.

Die nackten Blicke gleiten zum Boden und verharren.
Als könnten sie den Dreck, den sie denken, verscharren.

Nichts ist umsonst, nichts weilt, was eilt.

Ich beteilige mich am Stummsein und male Luftblumen mit meinen Augen.

Meine Name. Ach mein Name.

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Wenn, dann…

Ich steh am See,
Ich sitze, warte.
Guck, da schwimmt einer
Der hütet Schafe.
Und Fische mag er,
ausnehmen, essen
Bei gutem Wein den Tag vergessen.
Und wenn er fortgeht,
Wenn er lacht.
Wie er es jeden Abend macht.
Bin ich sein Freund,
Gesell mich gern.
Dazu den hellen Judenstern.
An meiner Brust.
Trägt er das Kreuz.
Genau wie ich
Mit sehr viel Stolz.
Nichts wär verraten und alle trügen
Auf ihrer Brust,
vor Tugend Lügen.
Gemeinsam gingen,
Gemeinsam hingen
Ihre Leiber.
Und alle waren da.

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Der Baum

Die Rinde des Baumes sie schält
sich ab
und der Baum steht gequält.
Als Wandrer nackt und verloren
ein Blatt
schimmert grün hinter Ohren.

Die Wiese erstreckt sich im Glanz
und deckt sich im Tanz
denn sie reckt sich so ganz
wiegt sich hecktisch im Wind.

Der Baum noch immer still und starr
er friert
als ward er gestern schon da
und als Gast mit Manier
wartet er stumm
schert sich nicht drum
bleibt solange hier.
Bis man ihm öffnet.

Verlassen, allein.

Er flüstert:
Mach auf mir die Tür
was ist nur mit dir?
Was lässt du mich stehn nur im Garten?
Willst du mich elends verraten?

Der kräft’ge Baum, der einst so groß
verschrumpelt und alt
übers brache Feld hallt.
Legt die Hände in den Schoß.

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Ich sage: du bist schön

Ich sage: Du bist schön.

Wenn wir deine Schönheit als Grundlage für andere Schönheiten oder gar als Ursprung nehmen, dann ist das ein Kompliment, ganz ohne Zweifel. Deine Schönheit sei das Idealbild alles Schönen und Hübschen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob ich dich mag oder ob du es verdienst über diese Schönheit zu verfügen, solang es eine Tatsache ist. Eine Tatsache deshalb, weil mir viele Leute von deiner Schönheit berichten. Seien es Männer oder Frauen.Ist schön sein vollkommen? Kann man schöner oder hübscher sein?

Oder ist Schönheit ein Grundgedanke, ein pauschalisierender Begriff, welcher als relativ objektiv gilt und das „schöner“ oder „hübscher“-sein letztlich nur der Subjektivität entspringt?

Ich lege also fest, dass deine Schönheit objektiv ist. Du bist nun nichts besonderes mehr, wie noch zu Anfang. Ich habe dich kategorisiert, dich genormt.Du weißt jetzt, wo du hingehörst.

Stelle dir vor du läufst auf einem Bürgersteig, an einer großen und belebten Straße mit vielen Menschen. Es könnte dir doch jeder sagen, du seist hübsch. Nähmst du, so es dir die Menschen entgegneten, dies als Kompliment auf? Gingst stolz, erhobenen Haupts weiter. Immer schnelleren Schrittes, um die netten Worte wie warmen Sommerregen auf deiner Haut zu fühlen. Der Wind peitscht dir ins Gesicht. Die Worte lassen dich noch schöner werden, denkst du. Was kümmern dich meine Definitionen von Schönheit, wenn du in deiner diktatorischen Oberflächlichkeit lebst und dein eigener Diktator bist.

Was, wenn du die schönste bist?

Legst du fest, dass es außer schön sein auch am schönsten sein, dies jedoch nur ein einziges mal auf der Welt, gibt, dann erreichen dich meine Worte nicht. Gehorchen dir die Menschen, dann gilt nur für sie mein Wort, aber nicht für dich. Darf man so wundervollen Anblicks sein?

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Das tote Kaninchen

Da schnappt sich der Kerl das Kaninchen, hängt es an die Wand, das Kaninchen, wo schon ein Nagel blitzt und der Kerl lacht, als hätt’ er’s Lachen als erstes in seinem Leben gelernt. Schon glitt das Fell samt Fleisch über den frischen Stahl. So ein dicker Kerl, dass er seine Hände in keine Hüfte mehr stemmt und prahlt vor seiner Wand. Die ganze Wand weiß und nur ein einziges blutiges Fell wird gehängt. Die ganze Front verschluckt sich am Rot und wirft hässliche Schatten auf die buckelige Tapete. Was geht dem Kaninchen wohl durch den Kopf? So durch den Kopf, dass es nicht kämpft, nicht quiekt, nicht zappelt oder beißt. Nicht auf den fetten Wanst springt. Und der Kerl drescht mit der Faust auf den viel zu kleinen Schädel und schreit, als hätt’ er’s bei der Geburt vergessen.

Manchmal bleibt ein Splitter vom Schädelknochen in seiner Hand. Dann zieht er ihn heraus, begutachtet ihn und schlägt erneut zu. Das Kaninchen scheint schon längst tot. Vielleicht war es auch schon tot, als es auf den Nagel glitt?

Wer schlägt ein Kaninchen an der Wand?

Der Kerl war’s. Er kommt ungeschoren davon und schnappt sich sicher bald das nächste.

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Aphrodite

mir steht der sinn nach aphrodite

…warum auch nicht?

doch park ich in ner alditüte

heut abend ihr gesicht.

ich schäm mich nicht für diese tat,

da dieses handeln mühe spart

und blau-weiß muster hat viel stil

mir egal ob’s ihr gefiel

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Zeugnisrede

Der erste sprach: “Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?’ Der zweite: “Wer hat von meinem Tellerchen gegessen ?” Der dritte: “Wer hat von meinem Brötchen genommen ?” Der vierte: “Wer hat von meinem Gemüschen gegessen ?” Der fünfte: “Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen ?” Der sechste: “Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten ?” Der siebente: “Wer hat aus meinem Becherlein Getrunken ?”

Sind das die Fragen, welche uns Lehrer stellten oder die wir uns für unsere Zukunft stellen, wie Rico ja richtig erwähnte, dass eben dies etwas sehr wichtiges ist. Nicht planlos in die Zukunft stürzen, ohne sich auf etwas zu stützen. Es mag eine Wissensfrage in der 3. Klasse gewesen sein, dort waren Märchen noch das Thema und man lernte fleißig auswendig und heute lächeln wir darüber uns halten die sieben Fragen für einen schlechten Scherz. Aber ausgerechnet jetzt sind sie die 7. Fragen, die meine Rede strukturieren. Und ihr bringt jene hervor, welche sie, zwar unwahrscheinlich, aber wer weiß, eines Tages analysieren werden. Eine formale Quellenanalyse oder gar eine ausführliche? Ob Politikwissenschaft oder Geschichte, was sind das nicht für Ansätze und zu fördernde Methoden der Texterarbeitung. Wissenschaftlich, unumstritten wissenschaftlich.
Manch einer ertappt sich dabei, wie er die Rede eines Politikers in der Zeitung liest und denkt: „Hm, ja, eindeutig Primärquelle, aber mit appellativem Charakter, subjektiv, klar und deskriptiv, sicher und selbstverständlich ein Traditionstext, der sich an interessierte Leser richtet.“
Das geschulte Auge. Und ganz sicher haben wir tausende solcher Methoden aus anderen Fächern für den richtigen Blick.

Das ist die erste Frage: Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?

Zerkratzt, bemalt, wackelnd und feucht. Ein Stuhl eben. Von hunderten, bald tausenden besessen und beschmutzt, war niemals unser und doch gab er uns Halt und die Sicherheit eines Platzes. Das Asyl eines Stuhls eben. Man mag die Herzenswärme oder warme Nähe eines anderen Menschen kennen und lieben, doch nichts ist so warm, wie ein frisch benutzter Stuhl.
Wir kippelten und knieten, waren die Stühle demoliert oder eben zu klein. Wer hier schmunzelt, der tut jedem Stuhl unrecht. Ich finde es gut, dass man Lehrer lobt und kritisiert. Doch wer sagt schon gutes über einen Stuhl? Nur, weil Stühle nicht weinen können, heißt das nicht, dass sie keine Gefühle haben. Wir alle werden diese Stühle sehr vermissen.

Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?

Meist waren es die Freunde, welche ihre Liebsten zum Mittagessen in die Cafeteria begleiteten, in der Hoffnung die Reste vertilgen zu dürfen, da es ihnen an Pausenbroten mangelte. Doch sicher waren dies nicht nur die Schüler. Wer sagt, dass dies nicht auch im Lehrerkollegium so gehandhabt wurde? Keiner muss sich dafür schämen, solang er sich frisches Besteck nahm.

Und wer hat von meinem Brötchen genommen?

Bleiben wir im Keller. In der Cafeteria. Wir alle lernten und lernen immer noch. Was ist da ein junges Hirn ohne Nährstoffe? Wenn Muttis Brote versagen und ausgehen, steht die Theke mit frisch belegten Brötchen wie eine Festung. Schnitzel, Bulette, Tomate-Mozzarella. Doch gehört das hierher? Nein, natürlich nicht und dafür entschuldige ich mich. Das gehört in die Vergangenheit. Für viele von uns gibt es bald eine neue Festung: Die Mensa.

Wer hat von meinem Gemüschen gegessen?

Ganz ehrlich? Ich fand hierfür keine Überleitung. Vielleicht ist es ein Symbol? Oder eine Metapher? Eine Metonymie? Das Mischgemüse. Erbsen und Möhren. Stereotypen, überall Stereotypen. Du kannst gut Mathematik, ich kann gut Deutsch. Klar gab es wenige Könner, wenige Talente. Ich werde auch nicht Rico nennen, um ihn verlegen zu machen. Rico.
Eltern, Lehrer, Freunde, Schüler: Wir teilten uns ein und auf und waren dennoch recht stabil, wie man Vorredner betonte. Nen schmuckes Grüppchen. Alle verschieden, aber zusammen. Wer mir nicht glaubt möge die Noten betrachten. Alle zwei Plätze ein Zeugnis mit Mathematik „gut“.

Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?

Es tut mir Leid, aber hierfür mangelt es mir an Kreativität.

Wer also hat mit meinem Messerchen geschnitten?

Unser Verstand ist scharf wie ein Messer. Jetzt, nach Abschluss der Schule mit Abitur. Und so lang es keinen Mikroschliff besitzt, müssen wir es stets schleifen und darauf achten, dass die Schneide nicht stumpf wird. Egal, was wir tun, egal, was wir weiter lernen oder lehren: Wir dürfen dies nicht umsonst getan haben. 13 Jahre sind später ein wenig mehr als eine Dekade in allen Jahren, aber für uns ist es jetzt mehr als die Hälfte unseres Lebens.
Um ein Bild zu schaffen orientieren wir uns doch an einem Lehrer? Er zeigt uns, was das heißt. Zu lernen und zu wissen und immer dabei zu bleiben. Wer im Sommer Sandalen trägt, mit nacktem Fuß, der muss diese auch im Winter tragen. Es mag oft kalt sein oder werden, doch dafür gibt es im Winter Socken. Und wenn der Frost uns droht, dann lasst euch von Schuhen ins warme tragen und wechselt. Die Sandale drückt zu Beginn und sorgt manchmal für geringen Schutz. Aber eines Tages erscheinen sie als das bequemste der Welt. Etwas das bleibt, wenn man es immer trägt und daran festhält.
Das Wissen ist das höchste Gut.

Wer aber hat aus meinem Becherlein getrunken?

Das meine Damen und Herren ist die schöne Zeit des Abiturs.
Und ein wesentlicher Bestandteil des morgigen Abends.

Vielen Dank.

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